Freundschaften:

Die Kunst, eines Freundes

Freund zu sein“


1. Buchauszug von Seite 8 bis 9:

Statt einer Einführung

Es begann mit einer Pleite und das kam so:

Gerade hatte das Gymnasium in Hildesheim für mich begonnen. Keinen der Mitschüler hatte ich vorher je gesehen. Einer weckte bald meine Aufmerksamkeit. Ihn hätte ich gern zum Freund gehabt. Aber wie ihm das klarmachen? In der Schule? Nein! Er wohnte zwar nur im übernächsten Dorf, aber wir konnten nicht den gleichen Bus benutzen. Ich wollte ihn zu Haus besuchen, um abgeschirmt von der lärmenden Klasse zu sein.

Er empfing mich freundlich, wir waren allein. Dort fasste ich mir ein Herz, nahm allen Mut eines 10-Jährigen zusammen und erklärte ihm, dass ich ihn gern zum Freund hätte.

So etwas hatte er wohl nicht erwartet. Doch Zeit zum Nachdenken brauchte er nicht, denn er lehnte mein – ja, was war es, ein Ansinnen? – kurz, er lehnte ab. Wohl um die für beide nicht ganz angenehme Situation zu überbrücken, setzte er sich an das Klavier, das im Zimmer stand und spielte zu meiner Verwunderung "Wahre Freundschaft soll nicht wanken".

Anscheinend hatte er die Geschichte für sich behalten. Zumindest sprach mich niemand darauf an und – was für einen 10-Jährigen viel schlimmer gewesen wäre – er machte sich nicht über mich lustig oder mich gar zum Gespött der Klasse. Das wäre bitter gewesen.

Die Klasse war groß genug, um sich mühelos aus dem Weg gehen zu können. Das Thema kam nie mehr zur Sprache, auch nicht als Anspielung.

Ein paar Jahre später trennten sich unsere Wege, denn er verließ die Schule.

Das Erlebnis hatte ich zwar nie vergessen, aber erst viele Jahre später fiel mir der Widerspruch in seinem Verhalten auf: Wieso hatte er die Freundschaft abgelehnt, in der nächsten Minute aber am Klavier "Wahre Freundschaft soll nicht wanken" gespielt? Sollte es ein Trost sein, einen Hinweis auf die "wahre Freundschaft", die bloß bei ihm für mich nicht zu finden war? Oder war es letztlich ein verstecktes Angebot?

Die Frage blieb unbeantwortet und folglich in meinem Kopf. Nur er konnte sie mir beantworten. Was war überhaupt aus ihm geworden? Ich wurde neugierig und machte mich zaghaft auf die Suche nach ihm. Meine gelegentlichen Nachfragen bei Bekannten brachten mich auf keine Spur. Schließlich traf ich jemanden aus seinem Dorf und erfuhr, er habe sich vor einigen Monaten selbst das Leben genommen, weil seine Frau fremdgegangen sei.

Statt einer Antwort hatte ich nun neue Fragen, denn so ein Verhalten lag mir so fern, dass ich mich nicht im geringsten hineindenken, geschweige denn, hineinfühlen konnte.

Warum diese Geschichte? Führt sie weiter?

Ja, denn sie offenbart, was ich "falsch" gemacht habe. "Falsch", gibt's das in so einer Situation überhaupt? Ich tat damals das, was mir als einzige Möglichkeit in den Sinn gekommen war, ich sprach das aus, was mir auf dem Herzen gelegen hatte. Kann das "falsch" sein? Für damals war es "richtig", aber leider erfolglos.

Hätte es denn ein aussichtsreicheres Verhalten für mich gegeben? Aus der Sicht des damals 10-Jährigen gab es keines. Aber mein damaliges Verhalten hat mir viele Jahre später einen grundsätzlichen Fehler in meiner Einstellung deutlich gemacht.

Dass so etwas bei mir vorlag, zeigte sich an den weiteren Mißerfolgen mit Freundschaften, die sich durch mein Schüler-, Studenten- und Berufsleben hindurchzogen bis ich langsam, sehr langsam aus den falschen Vorstellungen und Träumen erwachte.

Wäre ich der einzige oder gehörte ich zu einer kleinen Minderheit mit "falschen" Vorstellungen, hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Dass die große Mehrheit die gleichen "falschen" Vorstellungen wie ich hat, glaube ich selbst nicht. Aber es gibt zahlreiche andere "falsche" Vorstellungen und Einstellungen, die allesamt dazu führen, dass wirkliche Freundschaften unter Männern nach allgemeiner Meinung etwas sehr Seltenes sind. Das Gegenteil, dass nämlich Freundschaften unter Männern häufig seien, habe ich jedenfalls noch nie gehört und noch nirgends gelesen. Dabei würde ich mich so gern eines Besseren belehren lassen.

2. Buchauszug von Seite 11 bis 12:

Aber gelegentlich – zum Glück nicht jeden Tag – geht es mir ganz anders. Dann geht, steht oder sitzt da jemand, der sofort mein Interesse wachruft. Ein Blick genügt, und plötzlich ist da eine wache Neugier auf diesen Menschen. Manche können sofort Erstaunliches aus einem neuen Gesicht lesen. Ich versuche es erst gar nicht, sondern überlasse alles einem ersten Gespräch. Aber wie kommt es dazu? Ich muss nun einen Schritt auf diesen Menschen zugehen.

Dieser Schritt kostet etwas Mut.

Wer erinnert sich nicht daran, dass es ihn Mut kostete, ein Mädchen, das ihm gefiel, anzusprechen? Wer hatte keine Angst vor der Abfuhr, die als herbe Niederlage empfunden wurde? Gut, ein paar Naturtalente wird es immer geben, aber sie sind rar. Alle anderen erleben in solchen Momenten Gefühle, auf die sie nicht stolz sind und deshalb ungern darüber reden.

Hat es einen als Schüler noch viel Mut gekostet, den ersten Schritt auf das andere Geschlecht hin zu gehen, so ist das für viele ein paar Jahre später nur noch eine fast verdrängte Erinnerung. Wer schaut schon gern auf eine Vergangenheit zurück, in der es ihm so viel Mühe gekostet hat? Heute bremst ihn nichts mehr und er lässt sich allerhand einfallen, wenn er mit einer Frau in Kontakt kommen will.

Aber mit Männern?

Ich erinnere mich noch gut daran zurück, wie ich einmal vorn in einen Bus einstieg und sofort bemerkte, dass in der letzten Reihe ein Mann saß, der mich nach dem ersten Blick neugierig machte. Ich spürte sogleich das Bedürfnis, mit ihm in ein Gespräch zu kommen. Aber dann schoss mir der Gedanke durch den Kopf:

Das Ergebnis solcher Gedankengänge ist leicht vorauszusehen: So sieht kein Schritt auf etwas Neues hin aus, sondern so untergräbt man jeden Impuls in sich. Kaum zu erwähnen, dass ich mich irgendwo hinsetzte, bloß nicht neben ihn und gar nichts unternahm.

Das aber bekam mir nicht gut, denn da den berechtigten Fragen weder eine Antwort noch ein Handeln gefolgt war, piesackten mich die Fragen weiter.

Eines war klar: Ein aus meinem Inneren hervorquellendes Bedürfnis nach Kontakt, nach Gespräch. Das war unverkennbar.

Doch welchen Sinn sollte dieser Kontakt haben?

Worauf lief er hinaus? War es nur das alte Ziel, Freunde zu finden? Oder steckte etwas anderes dahinter? War ich etwa schwul?

Wie findet man Antworten auf solche Fragen? Mit wem hätte ich sie besprechen können? Mit irgendeinem meiner zahlreichen Bekannten? Nein, niemals! Mit einem Freund, der diesen Namen verdiente? Den hatte ich nicht. Was tun? Immerhin: Den Film "Nicht die Homosexuellen sind pervers, sondern die Gesellschaft, in der sie leben" von Rosa von Praunheim hatte ich mir schon zusammen mit meiner damaligen Freundin angesehen. Ich hatte mich nirgends wiedererkannt. Aber das musste gar nichts besagen. Vielleicht war ich besonders hartnäckig im Verdrängen. Galt etwa der berühmte Grundsatz auch für mich, dass nicht sein kann, was nicht sein darf?

Da flatterte mir eine Einladung der Evangelischen Akademie in Tutzing ins Haus zu einer Wochenendtagung über "Homosexualität". Sie kam wie gerufen. Rasch war ich angemeldet. Es kam keine Absage. Geschafft! Die Tagung begann. Natürlich war ich neugierig, ob es mir so gehen würde wie etwa im Bus, dass nämlich sofort ein Teilnehmer mein Interesse wecken würde. Alle waren versammelt. Nichts passierte mit mir. Schade!

Am Ende des Tages nach allen Referaten und Diskussionen saß man gemütlich bei Bier und Wein beieinander. Ich unterhielt mich gerade mit einer lebenserfahrenen Dame so um die sechzig, als sich ein junger Mann Mitte zwanzig zu uns gesellte. Es dauerte nicht lange, da überraschte er mich mit folgendem Angebot:

Die Dame schaltete viel schneller als ich und ließ uns sogleich allein, nicht ohne uns – und das klang ehrlich – eine schöne Nacht zu wünschen.

3. Buchauszug von Seite 45:

Die Umarmung von Markus war nicht nur eine Überraschung, sie war auch anders,

als ich sie von Rainer und Martin her kannte. Sie hinterließ ein neues, ein unbekanntes Gefühl. Dabei wäre äußerlich mit Sicherheit nichts irgendwie Anderes, Auffälliges zu entdecken gewesen. Hing es damit zusammen, dass Markus etwas kraftvoller als andere "zugelangt" hatte? Möglich, aber die ganze Erklärung konnte das nicht sein. Es gab da etwas Neues, für das ich zunächst keine Erklärung fand, obwohl es mir immer wieder durch den Kopf ging. Es war eine Kleinigkeit, eine Nuance, die ich aber ganz deutlich spürte und die diese Umarmung zu einer ganz Besonderen gemacht hatte, weil sie ein sehr schönes, außerordentlich angenehmes Gefühl hinterlassen hatte. Dieses Gefühl ließ mich nicht mehr los und führte dazu, dass ich mir wünschte, Markus würde plötzlich klingeln, wortlos hereinkommen, sich einige Sekunden lang ganz fest umarmen lassen und wortlos wieder gehen.

4. Buchauszug von Seite 49 bis 50:

Doch was war inzwischen mit Markus und mir passiert?

Er hatte nach der letzten Begegnung auf unbestimmte Zeit Bedenkzeit erbeten. Ich konnte sie ihm mühelos einräumen, denn ich staunte sowieso schon über ihn und Andreas: Was mich Jahre gekostet hatte, schienen die beiden während weniger Nächte zu "verdauen". Das kam mir schon spanisch vor. Ist die heutige Jugend – man verzeihe mir so eine Verallgemeinerung – so viel schneller als meine Generation? Um einiges ganz offensichtlich, aber irgendwann brauchen auch sie ihre Zeit zur "Verdauung". Sie war jetzt gekommen. Auch bei Markus dauerte sie einige Monate.

Schließlich lud er mich zu einem Besuch bei sich ein. Ich war pünktlich wie immer, doch von ihm keine Spur. War vielleicht nur die Klingel defekt? Das war bald geklärt. Er war gar nicht zu Hause. Als ich nach etwa einer viertel Stunde enttäuscht die vielen Stufen abwärts ging, kam er mir entgegengestürmt. Er habe Andreas noch nach Haus gefahren und sei im abendlichen Stau stecken geblieben.

Das hob meine Stimmung kaum. Als wir an der Wohnungstür angekommen waren, dachte ich laut vor mich hin:

Na, einladend klang das nun wirklich nicht. Doch was würde geschehen, ginge ich jetzt? Es bliebe bei uns beiden ein denkbar schlechtes Gefühl zurück, aus dem heraus Markus wohl kaum noch einen Schritt auf mich zu machen würde. Also müsste ich irgendwann in der Zukunft mühsam versuchen, noch einmal einen Anfang zu machen, sofern sich Enttäuschung und Ärger über den jeweils anderen bis dahin nicht schon so festgefressen hätten, dass alle Mühe vergebens sein würde.

Das in etwa vor Augen schien mir das Bleiben das geringere Übel zu sein. Vom erwarteten Abendessen war natürlich auch noch nichts zu sehen, aber immerhin, der Kühlschrank gab noch so viel her, dass keiner hungrig blieb.

Das Gespräch in einer Sesselgruppe verlief zäh, denn der Beginn des Abends saß uns beiden noch in den Knochen. Heute würde ich direkt über diese Enttäuschung, mit der der Abend begonnen hatte, reden, also direkt über den "heißen Brei" und nicht drum herum. Na ja, niemand kann mir verwehren, langsam, sehr langsam, klüger zu werden.

Schließlich wurde mir klar, wenn ich mich nicht bald zu irgendetwas aufraffte,

war der Abend "gelaufen". Von Markus konnte ich das nicht erwarten, hier war der Ältere gefordert. Also stand ich auf und setzte mich neben ihn. Nach einiger Zeit fragte ich ihn, ob er bereit sei, mehr Nähe zuzulassen. Ja. Daraufhin bat ich ihn, ...

Dr. Christian K. Steinmann

München, am 22. August 2009

Rechtsanwalt

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